ELBgenuss -Gedankenweit

Vor der Weite des Gedankens steht die Wahrnehmung der Weite. Das Auge nimmt den Horizont wahr, den Himmel und den Flug des Vogels. Die Haut ertastet Grenzen und Zwischenräume und fühlt die Grenzenlosigkeit des Windes. Luxus für Stadtmenschen ist, wenn das Ohr die Weite der Landschaft in der Akustik der eigenen Bewegung, durch die Vogelstimmen und die Geräusche des Wetters erkennt. Es gibt Lebensformen, Kulturen und Landschaften, die nur Nähe zulassen. Das Gedankenweite kann da weder gedacht noch wahrgenommen werden. Und es gibt Situationen, die soviel Weite enthalten, dass man sie nicht mehr wahrnimmt, denn das Weite kann durch die Gewöhnung auch flach werden. Richtige Weite entsteht erst durch den Kontrast. Zur Weite gehört also ihr Gegenteil, die Enge und die Nähe. Für den Menschen gut ist der stete Wechsel zwischen dem Weiten und dem nahe Liegenden.

Ganz deutlich wird das im Elbetal, wenn man die Menschen vor Ort betrachtet. Die Elbtalaue mit ihrem Vogelreichtum ist ein Ort für Ornithologen. Mehr als andere Leute strengt der Vogelkundler sein Auge im Wechsel zwischen Weite und Nähe an. Nun ist die Ornithologie ein Berufsstand, in dem der Mensch ungewöhnlich gut altert. Mit dem Auge verfolgt der Ornithologe Zaunkönig und Schwarzstorch, Schwalben und Schnepfen, Wildgänse und Singschwäne, Rabe und Milan. Bei dieser Art Augenbewegung ändert sich der Fokus in schneller Folge, die Augenmuskeln sind gefordert und damit wird das gesamte Gehirn in einen Zustand zentraler Aktiviertheit versetzt. Die Kontraste zwischen Nähe und Ferne werden physiologisch durch die Aktivitäten von Hirn und Auge verarbeitet. Zeit und Wechsel werden wahrgenommen und eingeordnet. Die Herausforderung das Auges, das immer wieder neue Fokussieren auf unterschiedliche Entfernungen macht den Menschen fit. So kann man den zerebralen Verschleiß aufhalten. Der Wind, die vielen Vögel und die wechselnden Horizonte sind Merkmale des Elbetals aber auch Wohltaten für den Menschen, der sie wahrzunehmen versteht.

Das Sammeln von Kräutern und Pilzen ist eine ganz andere Wahrnehmungserfahrung. Aber auch das ist ein Umgang mit dem Weiten und dem Nahen. Der Pilzsammler scanned den Waldboden mit seinem ganzen Gesichtsfeld. Während man an Bildschirm und Fernseher nur einen Teil des eigentlich Gesehenen nutzt, nimmt man beim Pilzesammeln Informationen auch mit den äußeren, unscharfen Rändern des Gesichtsfeldes auf. Und tatsächlich können wir damit auch handlungsrelevante Informationen verarbeiten. Steinpilze sammelt man mit einer ganz anderen Wahrnehmungs- und Handlungsstrategie als Pfifferlinge. Die unscharfen Randbereiche unseres Sehfeldes können sehr informativ sein. Ihr Gebrauch erhöht das Wohlbefinden. Computer und Monitor fordern nur das innere Sehfeld heraus. Das tut auf Dauer offensichtlich nicht gut. Deshalb ist das aktive visuelle „Surfen“ durch Wald und Wiese so eine erholsame Gegenübung zur Belastung bzw. Unterforderung beim Surfen an Bildschirm und Fernseher Zugleich regt diese Art des Sammelns aber auch dazu an, das Unscharfe und Intuitive zuzulassen und das Logische um die Dimension des Assoziativen zu bereichern.

Die Weite des Gedankens wird behindert durch Grenzen und Schranken, durch Moral, Konvention und Vorurteil. So engen wir uns ein, leben in der Beschränkung. Das Unweite ist schmal, dicht und voller Details. Die Weite fordert heraus, fördert den Mut und die Herstellung des Zusammenhangs. Das Wesentliche erschließt sich dann aber nur dadurch, dass man die Details ordnet. Enge und Begrenzung ist – so besehen - nicht nur schlecht für den Menschen. Das kann auch gut sein. Nähe schafft Vertrautheit und Sicherheit, Sinn für das Kleine. Die Weite des Gedankens aber stellt den Zusammenhang her. Die vielfältigen Wechsel zwischen weiten Ausblicken über Wasser und Wiesen und den Entdeckungen in den kleinteiligen Lebensräumen von Auen- und Wäldern, tun dem Menschen richtig gut. Das Elbetal ist eine Landschaft, in der die Kultur des „gedankenweit“ siedelt und dem Menschen zuträglich ist.

Kunst ist die Vision, mit der die Kultur aus der Enge heraustritt. In Wahrnehmung und Produktion wendet Kunst das Konzept „gedankenweit“ an. Auch deshalb gedeiht Kunst im Umfeld großer Wasserflächen und weiter Ausblicke oft besser als anderswo, denn auch für die Betrachtung der Kunst ist ein Wechsel zwischen Nähe und Distanz wichtig. Oft erkennt man ein Bild nur, indem man zurücktritt und dann wieder gewinnt ein Kunstwerk an Tiefe, indem man nahe herangeht und die Einzelheiten erkennt. So ein Konzentrations- und Wahrnehmungswechsel wird als wohltuend erlebt. Nicht nur Landschaft auch Kunst ist durch die Herausforderung der Wahrnehmung und des Erkennens erholsam.

Doch hat hier die Manipulation von Weite und Enge. Nähe und Ferne auch eine moralische Dimension. Mit dem Museum als Ort des erhobenen Zeigefingers und dem Podest als Ort des Erhabenen und der Aura machte sich die Kunst über Jahrhunderte hinweg zu einer Geste kultureller Tugend. Die Moderne und das 20. Jahrhundert hatten andere Neigungen. Man verbandelte die Kunst mit den Naturwissenschaften, intuitive Formen der Welterkenntnis mit den logischen Formen des rationalen Handelns. Man ließ die Kunst von ihrem Sockel herabsteigen und wagte die Konfrontation mit dem täglichen Leben. Bewegung und Abstand waren nicht länger nur räumliches Verhalten von Galeriebesuchern sondern komplexe Mittel einer künstlerischen Inszenierung.

So wurde Natur durch Land-Art zu neuen Landschaften gestaltet. Kunstausstellungen wurden zu begehbaren Bühnenbildern. Den eher abstrakten Erkenntnissen wurden die eher sinnlichen Wahrnehmungen gleichwertig beigestellt. Vielfältige Übergänge zwischen dem Materiellen und der kulturellen Erfahrung wurden ermöglicht. Die alten humanistischen Werte des Stillstands, der Ordnung und der Hierarchie lösten sich auf. Die neue Kunst darf zu Vergnügen und Erholung beitragen, Sie verlässt den akademischen Schutzraum und kommuniziert mit den Menschen am Ort ihres Alltags. Man misst sich an Dorfleben und Wildnis, an Wasser und Wind, an sesshaften und nomadischen Lebensentwürfen. Das Gedankenweite schafft neue Räume in den Flecken der Elbtalauen und spielt aufs Vielfältigste mit den Horizonten.

Die Autorin und Mitorganisatorin Barbara Tietze ist unter 05846.2201 in Vietze zu erreichen. Ihre Mail-Adresse ist Barbara.Tietze@t-online.de.