Wildnis Elbetal: behindertengerecht, barrierefrei, ganz entspannt....
Die norddeutsche Elbregion zwischen Lauenburg und Wittenberge ist ein relativ flaches Land und gut per Fahrrad und Auto, relativ schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Das macht diesen Teil des Elbelands zu einem Geheimtip für Leute, die sich nach Einsamkeit sehnen und die gern im flachen Land unterwegs sind. Besser als die Mittel- und Hochgebirge eignet sich diese Landschaft für reisende Rollstuhlfahrer. Kleine Erhebungen gibt es rechtsseitig in Lauenburg, linksseitig in Alt-Garge, in der Göhrde, in Hitzacker und am Höhbeck. Rollstuhlfahrer, die mit dem Auto unterwegs sind, haben aber auch in diesen Orten beste Ausflugs- und Urlaubsmöglichkeiten.
Tatsache aber ist deutschlandweit, in Stadt und Land gibt es immer noch viele Regionen und Anlaufpunkte, die per Rollstuhl weder erreichbar noch zugänglich sind. Wenn die Beine versagen, wartet das Abenteuer nicht mehr an jeder Ecke und besonders die Wildnis bleibt weitgehend verschlossen. Nicht immer lösten solche Unzugänglichkeiten bei Gehbehinderten eine so problematische und deprimierende Sehnsucht aus wie heutzutage. Anno Tobak noch wurde die Wildnis als feindselig und gefährlich wahrgenommen. Da lebten wilde Tiere, Räuber und Hexen. Die Natur war bedrohlich und davor fürchtete man sich. In der Wildnis konnte man sich verlaufen und verloren gehen. Das war der böse Ort, an dem es keine Wege gab und an dem man nicht mehr die Glocken hörte. Gegen diese Art der Kulturlosigkeit und Einöde grenzte man sich ab durch die große Mauer oder man zäunte sie ein in Form von Zoo und Völkerschau. Ein noch größeres Tabu als für ihre intakten Nachbarn war die Wildnis für Leute mit einer Gehbehinderung. Man blieb zu Hause und schuf sich ein gegen die Wildnis abgegrenztes Biotop. Tier- und Lunapark und auch die Bibliotheken waren z.B. so ein Reise- und Abenteuer-Ersatz.
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Traditionell war also die Sehnsucht nach der Natur vor den großen Mauern gering. Heute ist das anders. Die Wildnis ist heute ein Ort der Zuflucht und der Erholung von der Stadt, ein Ort Staunens über wilde Tiere und seltene Pflanzen. Die moderne Wildnis ist eine Arche Noah. Sie heißt Biosphärenreservat oder Naturpark und ist eine Landschaft, nach der man sich sehnt. Die Wildnis ist der Ort ohne Straßenlaternen, ohne Lärm von Autos, Handys und Radios, ohne Gestank von Fabrikschloten, Abgasen und ohne künstliches Licht. Die Rückkehr von Wolf und Biber in die Elbe-Wald- und Wasserlandschaften lässt das Herz der Naturfreunde höher schlagen. Nur da, wo die menschgemachte Technik weit weg ist, leben die richtig wilden Tiere. Ihre neue Anwesenheit ist ein Zeichen dafür, dass sich die Natur ihren Raum in kleinen Schritten zurück erobert. Das macht Stadtmenschen bei ihrer Suche nach einer Gegenwelt hoffnungsfroh.
Nicht ganz so glücklich sind Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer, die natürlich auch den Traum mit der Wildnis leben. Manche eigentlich wilde Regionen, die für den Rollstuhlfahrer zugänglich sind, mögen genau dadurch den Charakter der Zuflucht verlieren. Befestigte Wege lassen auch andere Räder rollen und schon ist die Wildnis ein Ort wie die Inseln Sylt oder Mallorca. Das Biosphärenreservat an der Elbe dagegen ist eine wilde Region, die zugänglich ist und dennoch vor zu viel Mensch und Maschine geschützt ist. Klimawandel, Naturgewalten und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen haben in jüngerer Zeit gewaltige Erdbewegungen ausgelöst, die dem Rollstuhl- ebenso wie dem Radfahrer in dieser dünn besiedelten Landschaft immer wieder komfortable Zufahrten ermöglichen, die im Normalfall für motorisierte Fahrzeuge gesperrt sind. Unvermutet erschließen sich so Selbständigkeiten und Ausflugsmöglichkeiten, die es anderswo in dieser Geschütztheit nicht gibt. Das dünn besiedelte Elbetal bleibt damit ein wilder und erholsamer Ort. Auch Rollstuhlfahrer können an dieser Kultur teilhaben.
Beidseits der Elbe entwickelte sich ein Gastgewerbe, das sich wie eine Kette von Lodges auch als Vorposten in der Wildnis versteht. Für landschaftssensible und umweltbewusste Naturfeunde und auch Naturfreunde im Rollstuhl sind diese Orte Ausgangspunkte zu Naturerlebnissen ganz intensiver Art, so z.B. das Hotel Kenners Landlust in der Göhrde. Dort gibt es ein barrierefreies Bio-Restaurant (bei Anmeldung auch für externe Gäste geöffnet) mit einer behindertengerechten Toilette und es gibt drei behindertengerechte Hotelzimmer. Von Kenners Landlust aus. werden u.a. geführte Wanderungen zur Beobachtung des Waldes und seiner Ökologie veranstaltet, die im Bedarfsfall auch auf die Möglichkeiten von Rollstuhlfahrern Rücksicht nehmen.
Eine radikale Kultur der Barrierefreiheit, ein Restaurant und 37 behindertengerechte Zimmer gibt es im Landhaus Elbufer, direkt hinter dem Deich des Amtes Neuhaus, in Gülstorf gelegen, ein Ausgangspunkt für ornithologische Wanderungen und andere Erkundungen der schönen Elbnatur im Amt Neuhaus. Das Gasthaus zum See in Restorf hat ein wunderbares Appartment behindertenfreundlich ausgebaut, verfügt über einen barrierefrei zugänglichen Gastraum und eine Behindertentoilette. Von hier aus ist der Seegedeich und der Deich am Gartower See zugänglich. Hier kann man Essen gehen und dann den Panoramaweg mit zahllosen Naturbeobachtungsmöglichkeiten genießen.
Der Rollstuhl ist eine Überlebensperspektive, die einem normalen Menschen zumindest zeitweilig gewiss ist. Diese Aussicht ist zwar nicht ganz so unvermeidlich wie der Tod, aber zumindest so wahrscheinlich wie das Auftreten einer Allergie oder einer Lebensmittelvergiftung. Jeder 12. Mensch in Deutschland ist schwer behindert. Nicht immer bestimmt der Rollstuhl dann das weitere Leben. Glücklich ist, wer ihn nach Wochen, Monaten oder auch Jahren verlässt. Schwerer wiegt der dauerhafte Ausfall des Gehvermögens. So oder so - Barrieren gegen Rollstühle sind ein deprimierender und ärgerlicher Verlust an Lebensqualität und ein böses, oft gedankenloses und durch weitsichtige Planung auch vermeidbares Schicksal. Dennoch lebt diese Gesellschaft so, als wäre diese Heimsuchung ausgeschlossen.
Gut ist, dass mehr und mehr Hotels und Restaurants die Notwendigkeit erkennen und sich auf das Klientel der Gehbehinderten einrichten, so z.B. die Burg Lenzen und das Parkhotel in Hitzacker. In Gartow und in Alt-Garge gibt es Campingplätze, die sich an die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern in Wohnmobilen angepasst haben. Auch die Jugendherberge in Hitzacker ebenso wie der dortige Wohnwagenparkplatz bieten Rollstuhlfahrern geeignete Aufenthaltsmöglichkeiten. Es gibt mehr und mehr Toiletten, die ausdrücklich auch für die Benutzung durch Rollstuhlfahrer geeignet sind. Auch in der Hochsaison haben Rollstuhlfahrer im Elbe-Raum zwischen Lauenburg und Wittenberge keine Probleme eine geeignete barrierefreie Unterkunft zu finden. Entsprechende Adressen vermitteln die Touristinformationsstellen.
So wie es allerdings unterschiedliche Behinderungen gibt, können Unterkünfte für betroffene Gäste unterschiedlich geeignet sein. Den Umbauten zur Erfüllung des Anspruch „behindertengerecht“ stehen mitunter Sachzwänge anderer Art entgegen. Eine Rollstuhl“gerechte“ Zufahrt darf in öffentlichen Bereichen um nicht mehr als 6 % ansteigen. Nach sechs Metern Rampe ist ein Zwischenpodest von mindestens 150 cm vorgeschrieben. Zum Vergleich - Rampen von öffentlichen Garagen dürfen bis zu ca.17 %. geneigt sein, im Gegensatz zur sogenannten „barrierefreien Zufahrt“ dürfen Garagenauffahrten auch im Kreis verlaufen. Die Norm DIN 18024 schreibt also einen gigantischen Platzaufwand vor. Um einen Höhenunterschied von 72cm zu überbrücken müssen Rampen und Bewegungsflächen von insgesamt mehr als 16m Länge angelegt werden. Dem Flächenhunger und der Höhenlust sind Grenzen auch dadurch gesetzt, dass selbst fitte Rollstuhlfahrer irgendwann die Nase voll haben von so einer Fahrerei von Podest zu Podest. Das ist die Stunde der Hubtechniken und der Fahrstühle. Auch nicht immer so richtig vergnüglich. Deshalb sind radikal für diesen Zweck ausgebaute Häuser wie z.B. das Landhaus Elbufer in Gülstorf besser und psychologisch selbstverständlicher zu nutzen als nachträglich improvisierte Strukturen, die eher ein Krückenersatz sind. Dennoch werden Betroffene glücklich sein, dass immer mehr Restaurants und Zimmerangebote so auch für Rollstuhlfahrer zugänglich gemacht wurden
Es erfordern solche baulichen Anpassungen zumeist erhebliche Investitionen, die nicht immer von den Banken finanziert werden. Von der öffentlichen Hand werden solche Maßnahmen nur dann gefördert, wenn sie alle Vorschriften aufs radikalste erfüllen. Ghettos für Behinderte sind einfacher zu realisieren als eine Integration. Maßnahmen mögen erforderlich sein, die manchmal den Architekten und sein ästhetisches Gefühl irritieren und bei alten Bauernhäusern auch nicht immer mit der Bautechnik und den Auflagen des Denkmalschutzes vereinbar sind. Türschwellen dürfen nach Rollstuhl-DIN nicht höher als 2 cm sein. Eine Tür muss eine lichte Durchgangsweite von mindestens 90 cm haben. Es sind Bewegungsräume vor Möbeln, in Badezimmer und Küche, auf Fluren, vor und in Aufzügen vorgeschrieben, die einen erheblichen Platzbedarf erfordern. Das kann ein Bauherr nicht immer einhalten. Die Inhaber der entsprechenden Herbergen weichen dann aus auf Beschreibungen wie „behindertenfreundlich“, „behindertentauglich“, „gastfreundlich auch für Rollstuhlfahrer“ und dergleichen. Aber es wird entlang der Elbe viel gemacht und von den freundlichen und mitunter sogar perfekt barrierefreien baulichen
Lösungen profitieren ganz nebenbei auch Kinder mit Fahrrädern, Eltern mit Kinderwagen, Postboten mit Zustellwagen, Leute mit Koffern und Gepäck. Im Einzelfall wird der Gast sich vor einer Anmietung nach der Einrichtung des Zimmers und Bades und den Zugänglichkeiten zumindest telefonisch informieren.
Das Spannende am Elbetal ist, dass durch den neuen Deichbau, der eine Reaktion war auf die verheerenden Hochwasser in den Jahren 2002 und 2006 nicht nur den Menschen mit Schubkarren und Sandsäcken bessere Zugangsmöglichkeiten zur Elbe geschaffen wurden, sondern auch den Rollstuhl- und Radfahrern. Lagen zuvor die Steigungen der Zuwege zur fünf Meter hohen Deichkrone bei ca. 17%, wurden die Rampen jetzt verlängert und mit Steigungen von 10% gebaut. Das ist zwar nicht die Rollstuhl-DIN aber kräftige Selbstfahrer schaffen das allein und Selbstfahrer mit Helfern schaffen das sogar ganz gut und haben dann eine in der Regel asphaltierte Wegstrecke mit atemberaubenden Ausblicken vor sich. Mit wenig Aufwand hätte man diesen Steigungen auf halber Höhe oder oben die ein oder andere Verweilebene oder vielleicht sogar einen Behindertenparkplatz zuordnen können Diese Art der Vernetzung zwischen Deichbau, Tourismus und sozialer Weitsicht hat es nicht gegeben. Dennoch gibt es gelegentlich öffentliche Autozufahrten und Park- oder zumindest Haltemöglichkeiten auf dem Deich. So gibt es z.B. Parkplätze oben auf dem Elbdeich bei der Fähranlegestelle Lenzen und an der Zufahrt zum Deich in Wahrenberg und das ermöglicht auch Rollstuhlfahrern wunderbare ebene Spazierfahrten auf der Deichkrone entlang der Elbe.
Leider sind von diesen Rollstuhlgeschichten eher höhere Altersklassen betroffen. Die Ehepartner, die dann als Helfer auftreten, können auf Grund ihres eigenen Alters keine athletischen Schiebeleistungen mehr vollbringen. Insofern sind die alten Deichwege mit Vorsicht zu genießen, zumal sie auf der Deichkrone oft auch nicht so gut ausgebaut sind. Gut bei Steigungen von mehr als10% soll sein, dem Rollstuhlfahrer einen Sicherheitsgurt zur Verfügung zu stellen. Besser ist, auf geeignete, harmlosere Wege auszuweichen. Umweltpsychologen warnen vor einer Sicherheitstechnik, die dann wiederum ein riskanteres Verhalten auszulösen vermag. Überall entlang der Elbe entstanden unten am Deich die sogenannten „Verteidigungswege“, die im Katastrophenfall auch für größere Autos befahrbar sind und im Rest der Zeit für Fahrräder und Rollstühle einen autofreien, idealen Bewegungsraum mit Blick auf die Wiesen und Gärten hinter den Elbbefestigungsanlagen bieten.
Grundsätzlich ganz gut auch mit dem Rollstuhl erreichbar sind die Häfen und Fähranlegestellen Schnackenburg, Lütkenwisch, Pevestorf, Lenzen, Hitzacker, Bitter, Darchau, Neudarchau, Bleckede und Neu-Bleckede. Auch auf die Fähren kommt man im Prinzip mit einem Rollstuhl. Hier allerdings kann es passieren, dass, wenn die Elbe wenig Wasser führt, zwischen Fähre und Anleger ein krasses Gefälle auftritt. Dann muss man improvisieren, zumindest andere Fahrgäste oder den Fährmann zu Hilfe holen. Diese eher seltenen Zugangsschwierigkeiten gibt es auch bei den Flößen des Amtes Neuhaus, die in Darchau ablegen und nicht nur Rollstuhlfahrern wunderbare Ausflugsmöglichkeiten bieten.